Googles UCP bekommt Cart und Catalog — aber wo bleibt Europa im Protokoll-Krieg?
Während ihr euch noch fragt, ob eure Produktdaten maschinenlesbar sind, baut Google gerade die Schienen, auf denen KI-Agenten künftig einkaufen werden. Und die Weichen stellt niemand in Europa.
tl;dr
- Google erweitert UCP um Cart, Catalog und Identity Linking.
- UCP-Endorser sind fast ausschließlich US-Konzerne — einziger EU-Name: Zalando.
- Azoma kontert mit dem Agentic Merchant Protocol (AMP) für Marken.
- Shopwares Agentic Commerce Alliance hat noch kein eigenes Protokoll.
- Der DMA reguliert Gatekeeper, nicht entstehende Protokoll-Infrastruktur.
Cart und Catalog: UCP wird erwachsen
Google hat diese Woche das Universal Commerce Protocol (UCP) aktualisiert — jenes Protokoll, das der Konzern im Januar auf der NRF zusammen mit Walmart, Shopify, Target und Etsy vorgestellt hat. Neu sind drei Funktionen:
- Eine Cart-Capability, mit der Agenten mehrere Artikel gleichzeitig in einen Warenkorb legen können.
- Ein Catalog-Endpunkt, über den Agenten Echtzeit-Produktdaten wie Varianten, Preise und Lagerbestände direkt aus dem Händlerkatalog abrufen.
- Identity Linking, das Loyalty-Programme und Mitgliedsvorteile über Plattformgrenzen hinweg verfügbar macht.
Das klingt nach technischen Details. Aber das greift zu kurz. Cart und Catalog sind die Bausteine, die UCP von einem Checkout-Protokoll zu einer vollständigen Commerce-Infrastruktur machen. Wer den Katalogzugriff kontrolliert, kontrolliert, welche Produkte ein Agent überhaupt sieht. Wer den Warenkorb kontrolliert, kontrolliert den Kaufabschluss. Google baut hier kein neutrales Rohrsystem — Google baut die Plattform, auf der sich Agenten und Händler:innen begegnen sollen. Dazu kommt eine vereinfachte Anbindung über Googles Merchant Center, die in den kommenden Monaten ausgerollt werden soll — und die Einstiegshürde für kleinere Händler:innen senkt. Oder anders formuliert: den Lock-in beschleunigt.
Wer sitzt am Tisch — und wer nicht?
Die Endorser-Liste von UCP liest sich wie ein Who's Who des US-Einzelhandels: Walmart, Target, Best Buy, The Home Depot, Macy's. Dazu die Payment-Riesen Visa, Mastercard, Stripe, Adyen, American Express. Und Shopify als Plattform-Partner, dessen Händler:innen UCP automatisch über Agentic Storefronts nutzen können.
Europäische Namen? Zalando taucht in der Liste auf. Sonst: Stille. Kein Shopware. Kein About You. Keine Otto Group. Kein europäischer Payment-Anbieter. Keine europäische Plattform, die an der Spezifikation mitschreibt.
Das ist bemerkenswert, denn UCP ist kein geschlossenes Google-Produkt. Es ist ein offener Standard mit GitHub-Repository und REST/JSON-RPC-Basis. Theoretisch kann jede:r mitmachen. Praktisch definieren US-Konzerne die Architektur, und Europa darf später implementieren.
Gegenvorschläge: AMP und die Agentic Commerce Alliance
Immerhin regt sich etwas — wenn auch nicht aus Brüssel. Das Londoner Startup Azoma hat Mitte März das Agentic Merchant Protocol (AMP) vorgestellt, eine Merchant-seitige Schicht, über die Marken kontrollieren können, wie ihre Produkte in KI-Agenten dargestellt werden. Early Adopters: Mars, L'Oréal, Unilever, Beiersdorf und Reckitt — also jene FMCG-Konzerne, die fürchten, dass plattformgetriebene Protokolle ihre Markenhoheit zermalmen.
Shopware hat im Juli 2025 die Agentic Commerce Alliance gegründet, zusammen mit PayPal, Klaviyo, Trusted Shops und dem italienischen Payment-Anbieter Nexi. Die Allianz will "offene, interoperable Standards" schaffen und arbeitet an Trust-Systemen, Scoped Payments und interoperablen Datenformaten. Der richtige Ansatz — aber bisher ohne eigenes Protokoll, das mit UCP oder AMP konkurrieren könnte.
Derweil sammelt das Pariser Startup Lemrock 6 Millionen Euro ein, um Middleware zwischen Händlersystemen und KI-Agenten wie ChatGPT und Claude zu bauen. Zu den Kunden gehören Darty, Leroy Merlin, Lidl und Rakuten. Europäische Startups liefern also die Übersetzungsschicht — aber die Protokollebene darunter bleibt amerikanisch.
Wo bleibt die EU?
Man könnte meinen, die EU-Kommission hätte für genau dieses Szenario vorgesorgt. Der Digital Markets Act (DMA) verpflichtet Gatekeeper zu Interoperabilität. Die Kommission hat im Januar 2026 ein Verfahren gegen Google eröffnet, das explizit Interoperabilitäts- und Datenteilungspflichten bei der Online-Suche betrifft.
Aber hier liegt das Problem: Der DMA reguliert existierende Gatekeeper-Positionen — Suchmaschinen, App Stores, Messaging-Dienste. Er reguliert nicht, wer das Protokoll schreibt, über das KI-Agenten künftig einkaufen. UCP ist kein Marktplatz. Es ist kein App Store. Es ist Infrastruktur, die gerade erst entsteht. Und für entstehende Infrastruktur hat die EU kein Instrument. Die DMA-Review steht zwar für Mai 2026 an — aber Agentic-Commerce-Protokolle dürften kaum auf der Agenda stehen, wenn Brüssel noch mit Interoperabilitätspflichten für Messaging-Dienste beschäftigt ist.
Der AI Act, der ab August 2026 für Hochrisiko-Systeme greift, regelt Transparenz, Risikomanagement und menschliche Aufsicht. Ob ein Einkaufsagent, der eigenständig Warenkörbe füllt und Checkouts durchführt, als Hochrisiko-System gilt? Darüber wird noch verhandelt. Bis dahin schafft Google Fakten.
Die Payment-Schiene kommt — aus den USA
Parallel zum Protokoll-Ausbau baut Visa die Zahlungsinfrastruktur für Agentic Commerce. Diese Woche hat der Konzern Visa Intelligent Authorisation (VIA) in Europa gestartet — eine API, die Acquirern den Zugang zu neuen Zahlungsmethoden einschließlich Agentic Commerce ermöglicht, ohne Legacy-Infrastruktur komplett umzubauen. Partner zum Start: Comercia Global Payments, Elavon, Fiserv, UNICRE und Worldline.
Visa verspricht "99,999% Uptime" und eine "durchschnittliche Genehmigungsrate von 96,3% weltweit". Das sind beeindruckende Zahlen. Aber sie verschleiern die eigentliche Dynamik: Die Infrastruktur, über die autonome Agenten bezahlen werden, kommt von Visa und Mastercard. Europäische Acquirer dürfen andocken. Die Architektur bestimmt jemand anderes.
Fairerweise: Visa startet VIA bewusst mit europäischen Partnern und hat parallel das Visa Agentic Ready Programm für europäische Issuer aufgelegt — Barclays, HSBC UK, Nationwide und Revolut sind als erste dabei. Aber "agentic-ready" heißt eben auch: die Spielregeln sind bereits geschrieben, man darf nur noch mitspielen.
Die eigentliche Frage
Karen Webster von PYMNTS hat es diese Woche so formuliert: Was als Revolution im Commerce verkauft wird, sei "für den Moment vor allem eine hochintelligente Suchleiste". Das stimmt — noch. Aber Cart und Catalog machen aus der Suchleiste Stück für Stück einen Einkaufsassistenten. Und wer die Regeln dieses Assistenten schreibt, bestimmt, welche Händler:innen sichtbar bleiben.
In den USA verhandeln Google, Walmart und Shopify diese Regeln unter sich. In Europa gründen wir Allianzen, sammeln Seed-Runden ein und warten auf die nächste Verordnung. Wer wird die Regeln schreiben, nach denen eure Kund:innen morgen einkaufen — ihr oder ein Protokoll aus Mountain View?
(Ein LLM hat recherchiert und geschrieben. Ein Mensch hat gelesen, gestrichen und für gut befunden. Wer von beiden mehr gearbeitet hat, darüber streiten wir noch.)