DE EN
agenticPunk
Zurück zur Übersicht

Das Spielfeld wird kartiert: Was die Agentic Commerce Ecosystem Map über den Stand der Dinge verrät

19. März 2026 | Roman Zenner
Teilen:
Das Spielfeld wird kartiert: Was die Agentic Commerce Ecosystem Map über den Stand der Dinge verrät
Photo by Jan Reinicke / Unsplash

Es gibt diesen Moment in jeder Technologiewelle, in dem jemand anfängt, eine Landkarte zu zeichnen. Nicht weil alles klar wäre — sondern weil genug Player aufgetaucht sind, dass man den Überblick verliert. Bei Cloud Computing war es 2009 so weit, bei Headless Commerce irgendwann 2020. Für Agentic Commerce ist dieser Moment jetzt gekommen.

tl;dr

  • Ecosystem Map wächst monatlich um 30+ Logos — vor allem Kundenservice und Marketing.
  • Protokolle, Agent-Orchestrierung und Trust & Risk sind fast leer.
  • Autonome Einkaufsagenten haben einen Eintrag: Dataiera. Marktreife frühestens 2028.
  • Das Tempo machen Visa, Amazon und J.P. Morgan, nicht die Startups.
  • Europa fehlt fast komplett auf der Karte.

M Farah, der Autor des Newsletters "Agentic Commerce Frontier", hat eine Ecosystem Map veröffentlicht — und aktualisiert sie monatlich. Allein im März kamen über 30 neue Logos hinzu, von Payments-Anbietern wie InFlow Pay über Marketing-Plattformen wie Klaviyo bis hin zu Procurement-Spezialisten wie Fairmarkit. Die Map wird dichter. Schnell.

Was zeigt die Map — und was nicht?

Die Ecosystem Map organisiert sich entlang der Shopping Journey: Discovery, Consideration, Conversion, Fulfillment, Post-Purchase. Dazu kommt eine Merchant-Infrastruktur-Schicht für Plattformen, Protokolle und Agent-Orchestrierung. Insgesamt sind es über ein Dutzend Kategorien, von "Search & Discovery" bis "Agent Platforms & Orchestration".

Was sofort auffällt: Die Kategorien "Conversational & Customer Service" und "Marketing & Engagement" sind am dichtesten besetzt. Cavalry, Flip, KODIF, Tidio, Klaviyo, Braze — hier tummelt sich die Masse. Das ist wenig überraschend: Kundenservice-Bots und Marketing-Automatisierung sind die niedrig hängenden Früchte. Sie funktionieren schon heute, mit existierender Infrastruktur.

Dünner wird es bei "Protocols & API Standards" und "Agent Platforms & Orchestration". Genau dort, wo die eigentlich spannenden Fragen liegen: Wer koordiniert mehrere Agenten? In welcher Sprache sprechen sie miteinander?

Drei Schichten — eine andere Brille

In unserem Drei-Schichten-Modell für Agentic Commerce unterscheiden wir drei Ebenen: AI-gestützte Recherche (heute relevant), AI-gestützter Checkout (im Umbau) und autonome Einkaufsagenten (Zukunft ab 2028). Die Ecosystem Map lässt sich durch diese Brille lesen — und dabei wird einiges sichtbar.

Schicht 1 dominiert die Map. Die meisten gelisteten Unternehmen machen Recherche, Empfehlungen und Personalisierung besser — mit AI-Unterstützung. Doofinder, Clerk.io, Aampe: Das sind Werkzeuge, die den bestehenden Kaufprozess optimieren. Der Mensch entscheidet noch selbst.

Schicht 2 ist dünn besetzt. Payments-Anbieter wie InFlow Pay, Sapiom oder DEUNA tauchen auf, aber die große Frage — wer kontrolliert den Checkout, wenn ein Agent einkauft? — bleibt offen. Spreedly hat sich hier positioniert mit dem Argument, dass Händler die Merchant-of-Record-Kontrolle behalten müssen, während AI-Agenten im Hintergrund orchestrieren.

Schicht 3 existiert als Kategorie, aber kaum als Realität. "Agent Platforms & Orchestration" hat einen Eintrag: Dataiera. Das war's. Autonome Agenten, die eigenständig Preise verhandeln und Bestellungen auslösen? Die Map zeigt ehrlich, dass wir davon noch weit entfernt sind.

Die eigentlich spannenden Signale kommen von woanders

Während die Map Logos zählt, passiert das Interessante in den Wochenmeldungen. In der gleichen Ausgabe des Agentic Commerce Frontier vom März berichtet Farah über konkrete Fortschritte: Mirakl und J.P. Morgan Payments verzahnen Katalog-Orchestrierung mit Payment-Infrastruktur. Santander und Visa haben Pilot-Transaktionen mit AI-Agenten in fünf lateinamerikanischen Ländern abgeschlossen. Azoma hat mit dem "Agentic Merchant Protocol" einen neuen Standard lanciert — unterstützt von Mars, L'Oréal und Unilever.

Das Muster: Es sind nicht die Startups auf der Map, die das Tempo machen. Es sind die Incumbents — Visa, J.P. Morgan, Amazon —, die ihre bestehende Infrastruktur agentic-fähig machen. Amazon erweitert "Shop Direct" über Third-Party-Feeds und baut "Buy for Me" aus. Die Strategie ist klar: Agenten sollen auf Amazons Schienen fahren, nicht auf fremden.

Was fehlt auf der Karte?

Drei blinde Flecken fallen auf:

Erstens: Europa. Die Map ist stark US-zentrisch. Wo sind die europäischen Commerce-Plattformen? Wo die DACH-Player? Das mag an der Perspektive des Autors liegen, aber es spiegelt auch eine Realität: Agentic Commerce wird gerade primär in den USA und Lateinamerika erprobt.

Zweitens: Die Protokoll-Ebene. Googles Universal Checkout Protocol, das von Azoma lancierte Agentic Merchant Protocol, Anthropics Model Context Protocol — die Infrastruktur, über die Agenten mit Commerce-Systemen sprechen, ist auf der Map unterrepräsentiert. Dabei entscheidet sich dort, wer die Kontrolle behält.

Drittens: Die Frage nach dem Vertrauen. "Trust & Risk" hat einen einzigen Eintrag: Riskified. Aber wenn autonome Agenten im Namen von Konsument:innen einkaufen — wer haftet? Wer autorisiert? Das ist nicht nur eine technische, sondern eine regulatorische Frage, die in Europa anders beantwortet werden wird als in den USA.

Die Karte ist nicht das Territorium

Ecosystem Maps sind nützlich, weil sie Ordnung ins Chaos bringen. Sie sind gefährlich, wenn man sie für die Realität hält. Die Agentic Commerce Ecosystem Map zeigt, dass ein Ökosystem entsteht. Sie zeigt auch, dass dieses Ökosystem noch stark in Schicht 1 verankert ist — bessere Suche, bessere Empfehlungen, besserer Kundenservice.

Die Frage, die mich umtreibt: Werden die Player auf dieser Map in zwei Jahren noch die relevanten sein — oder werden Visa, Amazon und Google das Feld einfach übernehmen, weil sie die Infrastruktur kontrollieren?